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Kreisarchiv - Wokrjesny archiw

29.01.2015

Im Kreisarchiv entdeckt

Auszüge aus einer Übersiedlungsakte. Fotomontage: Landratsamt Bautzen.

Auszüge aus einer Übersiedlungsakte. Fotomontage: Landratsamt Bautzen.

Fotomontage "Auszüge aus einer Übersiedlungsakte"

Freiheit! Freiheit gilt gemeinhin als oberstes Gut demokratischer Systeme. Umso wichtiger ist es, die Erinnerung an Zeiten lebendig zu erhalten, in denen Freiheit nicht selbstverständlich war. Daher wird in diesen Tagen an den „Fall der Berliner Mauer“ vor 25 Jahren und den damit verbundenen endgültigen Niedergang der DDR erinnert.

 Anlässlich dieses Jahrestages möchte das Kreisarchiv Bautzen ein tatsächlich erlebtes Familiendrama schildern, das mit einem Ausreiseantrag aus der DDR in die BRD Mitte der 1980er Jahre beginnt. Dabei schnellen Einem sofort zentrale Fragen in den Kopf: Welche Mittel nutzte der DDR-Staatsapparat, diese Ausreise zu verhindern? Wie lange dauerte die Antragsbearbeitung? Gelang tatsächlich die Ausreise? Wenn ja, wer durfte ausreisen?

Diese und weitere Fragen sollen nun anhand einer Übersiedlungsakte aus den Beständen des Kreisarchivs Bautzen beantwortet werden.

Im August 1986 stellte Familie Müller - er Ingenieur, sie in einem Handwerksberuf tätig und ihre beiden fast volljährigen Töchter - einen Antrag zur Ausreise aus der DDR in die BRD. Bis dahin lebte die Familie in ihrer Neubauwohnung mit Telefonanschluss in geordneten Verhältnissen. Dennoch gab es für sie genügend Gründe, die Ausreise zu beantragen.

Zahlreiche nicht genehmigte Besuche bei Verwandten in der BRD oder nicht erfüllte berufliche Wünsche aufgrund eben jener „Westverwandtschaft“ sind dabei nur zwei von vielen Gründen. Infolge dessen setzte der Staatsapparat der DDR nun gezielt negative aber auch positive Anreize, eine Zurückstellung des Antrags zu erzwingen.

Sowohl Herr als auch Frau Müller hatten nun diverse „Zurückdrängungsgespräche“ mit den Abteilungsleitern der jeweiligen Betriebe sowie des Rates des Kreises zu führen. Des Weiteren folgten Befragungen durch Beamte der Staatssicherheit, Beleidigungen und sogar der angedrohte Abbruch der Berufsausbildung der Tochter durch den Ausbildungsbetrieb.

Andererseits bekam beispielsweise Herr Müller in einem anderen Gespräch mit seinem Betrieb eine weniger arbeitsintensive Beschäftigung bei allerdings höherer Gehaltseinstufung offeriert. Letztendlich scheiterten sämtliche Versuche aber schon im Ansatz, die z. T. hoch qualifizierte Familie im „Arbeiter- und Bauernstaat“ zu halten. Keine Drohung und kein noch so verlockendes Angebot konnten Familie Müller überreden, das Übersiedlungsersuchen zurück zu nehmen.

In dieser Weise vergingen knapp zwei Jahre. Währenddessen führte allein Herr Müller ganze elf dieser sog. „Zurückdrängungsgespräche“ mit Betrieb oder Rat des Kreises und schickte sechs Zuschriften an den Rat des Kreises bzw. das Volkspolizei-Kreisamt. Darin versuchte er immer und immer wieder die Gründe seines Ausreisewunsches darzulegen. Doch vergebens.

Das Übersiedlungsersuchen wurde im Juni 1988 ohne Angabe schlüssiger Gründe abgelehnt. Der Rat des Kreises teilte ihm mit, dass weitere Anträge erfolglos bleiben würden. Als Reaktion auf diese Ablehnung kündigte Herr Müller seine gut bezahlte Arbeitsstelle - fristlos.

In der Übersiedlungsakte des Rates des Kreises ist nun längere Zeit nichts von Familie Müller verzeichnet - weder Gesprächsprotokolle oder Zuschriften noch anderweitige Schriftstücke.

Erst im September 1988 wurde wieder Notiz von Familie Müller genommen. Herr Müller erschien persönlich beim Rat des Kreises. Hierbei erläuterte er sein fristloses Kündigungsschreiben (sein Berufsleben sah er derart beeinflusst, dass er sich gezwungen sah, aufzuhören) und bestand weiterhin auf seinem Übersiedlungsersuchen.

Überdies verfasste er einen Brief an das Komitee für Menschenrechte in Berlin, in dem er seine verzweifelte Situation darstellte und um Hilfe bat. Welche Auswirkungen dieses Schreiben auf sein Ansinnen hatte, lässt sich anhand dieser Akte leider nicht mehr rekonstruieren. Es wird aber deutlich, dass Herr Müller nahezu jedes legale Mittel nutzte, um mit seiner Familie aus der DDR ausreisen zu können.

Doch Ende des Jahres 1988 keimte in Familie Müller neue Hoffnung auf. Die „Verordnung über Reisen von Bürgern der Deutschen Demokratischen Republik nach dem Ausland“ vom 30. November 1988 sollte die Ausreise aus der DDR erheblich vereinfachen. Familie Müller stellte gemäß o. a. Verordnung sofort einen neuen Übersiedlungsantrag.

Die Bearbeitung des Antrags verlief nun recht zügig. Doch erst nachdem sie ganze 14 (!) Bescheinigungen über Schuldenfreiheit diverser Banken, Versicherer und Kassen sowie formlose und eidesstattliche Erklärungen über finanzielle und materielle Schuldenfreiheit abgegeben hatten, erfolgte im Juni 1989 endlich die „Abmeldung nach außerhalb der DDR“. Fast drei Jahre nach Antragstellung und auch nur, weil die DDR-Regierung in ihren letzten Atemzügen politische Zugeständnisse machte, glückte die Ausreise.

Ein letzter Wehmutstropfen blieb dennoch für Familie Müller. Nur vierzehn Tage vor ihrer Ausreise, trat die älteste (mittlerweile volljährige) Tochter von ihrem Antrag auf Übersiedlung zurück und verblieb in der DDR. Welche Gründe sie zu diesem Schritt bewegten, ist aus den Akten nicht ersichtlich. Über die Ursachen können wir lediglich spekulieren.

 Ob ihr die begonnene Berufsausbildung möglicherweise doch wichtiger geworden war oder ob sie in der Zwischenzeit ihre große Liebe gefunden hatte? Oder hatten vielleicht doch wieder einige Behörden des DDR-Staatsapparates ihre Finger im Spiel? Wir wissen es nicht. Letztendlich wird es wohl für immer ihr Geheimnis bleiben, warum sie sich für die DDR aber gegen ihre Familie entschied.

 

Quelle: Diese Akte befindet sich im Bestand des Kreisarchivs Bautzen; aus datenschutzrechtlichen Gründen kann die genaue Quelle jedoch nicht genannt werden. Auch der Name der Familie wurde geändert.

  • Auszüge aus einer Übersiedlungsakte. Fotomontage: Landratsamt Bautzen.